Expertenbeitrag von Andreas Bös, Vice President Conrad Connect Smart Ordering Services – Spielerei oder Ende des Einkaufs?

Smart Ordering Services sind ein bloßes Gimmick sagen die einen; die Zukunft des Konsums die anderen. Was denn nun? Die Zukunft wird zeigen: Smart Ordering Services sind weitaus mehr als bloße Spielerei für Smart Home-Enthusiasten. Immer mehr Menschen bestellen bequem per Knopfdruck, oder noch besser – lassen einfach direkt von Maschinen bestellen. Dies liegt nicht nur an unserem Hang zur Bequemlichkeit, sondern auch an zwei gesellschaftlichen Entwicklungen: Zeitgeist trifft auf Innovation. Andreas Bös, Vice President von Conrad Connect, klärt auf.

Andreas Bös - Vice President von Conrad Connect

Schon wieder ist der Kaffee alle? Noch rasch auf dem Heimweg beim Supermarkt stoppen, um Reinigungsmittel für den Wohnungsputz am Wochenende zu besorgen? Schnell noch Druckerpatronen und Kopierpapier kaufen, ansonsten steht das Büro am Montag still? Kaum hat man sich versehen, ist aus den Minuten eine Stunde geworden. So „kurz” und „rasch” geht das mit dem Einkauf leider nicht.

Kunden haben keine Lust mehr in den Supermarktregalen zu suchen, in Schlangen zu warten oder sich durch undurchsichtige Bestellmasken im Onlinestore zu wühlen. Der moderne Mensch schätzt Qualitätszeit. Darunter fällt definitiv nicht der Einkauf von Verbrauchsmaterialien. Für 59 Prozent der Deutschen zählt laut einer Studie des Beratungsunternehmens Nielsen der Zeitfaktor beim Einkaufen. Effizienz ist Trumpf.

Weniger wichtig, zumindest solange es um Verbrauchsmaterialien geht, ist die Wahl zwischen verschiedenen Artikeln. Einmal ein Waschmittel, immer ein Waschmittel. 67 Prozent der Käufer erwerben laut dem Marktforschungsinstitut Appinio stets die gleichen Produkte. Populärer werden daher auch Abo-Lösungen für Verbrauchsmaterialien. Der berühmt berüchtigte Zeitgeist hat sich geändert: Der moderne Mensch weiß den Wert seiner Freizeit einzuschätzen – Stichwort „mindfulness” – und ist bereit, dafür auch einen entsprechenden monetären Gegenwert zu leisten. Um es ganz einfach zu sagen: Wir hören auf unsere Zeit für lästige Tätigkeiten zu verschwenden, wenn wir es vermeiden können.

Die Digitalisierung der eigenen vier Wände schreitet voran

Dieses gesellschaftliche Umdenken geht Hand in Hand mit einem technologischen Quantensprung: Laut Statista sind bereits heute knapp 20 Prozent deutscher Haushalte durch IoT-Lösungen vernetzt, 2023 werden es über ein Drittel sein.

Internet of Things”, kurz IoT, hört sich zunächst an, wie ein eingedeutschter Modebegriff – ein Begriff allerdings, der unseren kompletten Alltag umkrempelt. Die Dimensionen haben wir noch gar nicht begriffen. Die damit verbundene neue Bequemlichkeit wird uns noch viel Freude bereiten: Untereinander und mit dem Internet vernetzte Haushaltsgeräte werden mit einem Mal intelligent. Spül- und Waschmaschinen analysieren eigenständig, wie verschmutzt Geschirr oder Wäsche ist; entsprechend dosieren sie das erforderliche Reinigungsmittel. Intelligente Feuer-, Bewegungs- oder Wassermelder lassen sich direkt mit den Überwachungssystemen von Sicherheitsfirmen oder Versicherern verbinden. Vernetzte Fahrzeuge überwachen den Abnutzungsgrad von Bremsbelägen oder Reifen. Und nicht nur dies, die Systeme werden auch von alleine aktiv: Bemerken sie einen Einbruch oder ein Feuer, benachrichtigen sie die Alarmzentrale; sind die Bremsbeläge hinüber, wird der Autofahrer gewarnt.

Einkauf und IoT verschmelzen

Der springende Punkt ist: Bereits heutzutage erfassen und analysieren IoT-Geräte riesige Mengen von Daten und erledigen daran anknüpfend selbstständig Aufgaben. Just an dieser Stelle trifft technologische Innovation auf den neuen gesellschaftlichen Zeitgeist. Dass Maschinen fortan ihren eigenen Bedarf an Verbrauchsmaterialien erfassen und selbst nachbestellen, ist der logische nächste Schritt. Sogenannte “Smart Ordering Services” verknüpfen unser modernes Einkaufsverhalten mit technologischem Fortschritt – um bei diesem Beispiel zu bleiben.

Präziser müsste es eigentlich nicht-Einkaufsverhalten heißen. Denn mit dem eigenen aktiven Einkauf ist dann Schluss. Bestellt wird mit Smart Ordering Services via Smart Buttons, über Sprachbefehle oder in der Endstufe durch eine eigenständige Bestellung anhand der IoT-Geräte. Sensoren ermitteln kontinuierlich, was in welchen Mengen noch vorhanden ist und bestellen so, dass kein Kaffeepulver fehlt und am Morgen widerwillig auf Alternativen umgeschwenkt werden muss, oder dass die Druckerpatronen ausgehen. Der Kauf erfolgt einfach und zügig. Convenient Shopping lautet das Stichwort. Auch Spül- und Waschmaschinen bestellen ihre Reinigungsmittel automatisch selbst, sobald sich der Vorrat dem Ende neigt.

Das oben bereits genannte Auto beobachtet und meldet nicht nur die Abnutzung von Bremsbelägen oder Reifen, sondern vereinbart eigenständig einen Werkstatttermin zur passenden Zeit. Auch wenn es (noch nicht) autonom in die Werkstatt fahren kann, ist es immerhin mit dem Terminkalender des Besitzers verknüpft. Und es gibt etliche weitere Beispiele: Über einen Smart Button am Drucker bestellen wir neue Patronen. Einmal konfiguriert, sind dies immer die richtigen, wir müssen uns nicht mehr online durch die zig Modellvarianten der Hersteller klicken.

Technologische Möglichkeiten und der Wunsch der Menschen, leidige Aufgaben los zu werden, heben Smart Ordering Services auf ein neues Level: In einer Studie des Marktforschungsinstituts ECC Köln im Auftrag von SAP bestätigten 57 Prozent der 20 bis 60-Jährigen, dass sie sich vorstellen können, automatisierte Bestellsysteme zu nutzen. Bei den 14 bis 19-Jährigen ist das Interesse noch größer: 80 Prozent der Altersgruppe sind offen für Smart Ordering Services.

Die Käufer setzen den Handel unter Druck

Bleibt die Frage, wie Händler und Hersteller von Smart Ordering profitieren können. Was passiert, wenn die Kunden nicht mehr selbst in den Supermarkt gehen, sondern die Bestellung von der Maschine eintrudelt?

  • Noch mehr Produkttreue: Wie eingangs angesprochen, legen zwei Drittel der Käufer Woche für Woche die gleichen Produkte in ihre Einkaufswagen; diese Zahl wird deutlich zunehmen. Wir standardisieren und automatisieren unseren Einkauf von Verbrauchsmaterialien. Mit Alternativen und Konkurrenzprodukten setzen wir uns dann noch seltener auseinander als ohnehin schon. Das bedeutet auch, Marken, die jetzt den Sprung ins IoT-Zeitalter schaffen, profitieren langfristig vom hohen Life-Time-Value ihrer Kunden.
  • Service statt Produkt: Immer mehr Hersteller ergänzen ihr Produkt um ganzheitliche Lösungen. Was dahinter steckt? Ein Händler verkauft seinem Kunden einen Drucker, der dafür sorgt, dass er zu jeder Zeit druckfähig ist – und zwar ohne dass der Käufer nochmal beim Händler Patrone, Papier oder Zubehör nachkaufen muss. Fortan ist der Händler raus aus dem Geschäft. Stattdessen ist der einmal gekaufte Drucker wie von Zauberhand stets zu Diensten.
  • Cut-out-the-middleman: Die große Frage lautet, bei wem am Ende die Smart-Orderings eingehen. Nur Händler, denen es gelingt, in diesem System eine Rolle zu spielen, können die ausbleibende vor-Ort-Kundschaft kompensieren.

Smart Ordering hat (noch) ein Vertrauensproblem

Wenn alles für Smart Ordering spricht, woran hapert dann der flächendeckende Durchbruch in deutschen Haushalten? Schließlich brachte Amazon mit den Amazon Dash Buttons schon ein erstes Smart Ordering-Konzept auf den Markt, doch der US-amerikanische Tech-Gigant schaltete die physischen Knöpfe schnell wieder ab. Das Projekt ist trotz aller Vorschusslorbeeren von der Bildfläche verschwunden.

Der Grund: Kunden vertrauen Smart Ordering Services (noch) nicht restlos. In der genannten Studie des ECC Köln zeigt sich zwar großes Interesse an den Konzepten, allerdings sprechen die Befragten auch von „Unsicherheit”, „Misstrauen” und „Unkontrollierbarkeit”. Damit sich dies ändert, brauchen wir volle Transparenz und Kontrolle für den Kunden:

  • Vor dem Kauf (insbesondere durch ein IoT-Gerät) müssen Bestellbestätigungen per Mail oder SMS an den Kunden gesendet werden. Erst mit Klick auf den Bestätigungslink wird die Bestellung final abgeschickt.
  • Die Services sollten über eine Warenkorbfunktionalität verfügen, um ständige Einzellieferungen zu vermeiden.
  • Die Bestellauslöser für IoT-Geräte, also wann ein IoT-Gerät eigenständig nachbestellt, müssen frei und flexibel konfigurierbar sein.
  • Kunden müssen jederzeit die Kontrolle darüber haben, welche Marke und welches Produkt in welchen Mengen bei welchem Händler über die Smart Ordering Services geordert werden.
  • Vielfältige Bestellmöglichkeiten wie smarte Schalter und Knöpfe, Sprachbefehl oder automatische Bestellungen über das IoT-Gerät geben dem Kunden ein Maximum an Flexibilität.
  • Smart Ordering Services müssen sich in die bestehende Infrastruktur von Anbietern und Firmenkunden integrieren lassen. Dann können die Verantwortlichen mit einem Klick Bestellungen autorisieren und sind stetig auf dem Laufenden, was die Ausgaben angeht.

Fazit: Smart Ordering reduziert Einkaufsstress

Die gute Nachricht zum Schluss: Smart Ordering kann genauso so sicher, vertrauensvoll und kontrollierbar sein wie der Einkauf im nächsten Supermarkt. Die Zukunft des Smart-Ordering ist nicht “nice-to-have”. Die Zukunft lautet: Bestellen lassen, statt selber shoppen.

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Andreas Bös - Vice President von Conrad Connect

Andreas Bös ist Vice President von Conrad Connect, eine der führenden IoT-Projektplattformen in Europa. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der IT- und Elektrobranche, im Smart Home- und IoT-Bereich sowie im Innovationsmanagement. Vor seiner Zeit bei Conrad Connect war Andreas Bös unter anderem Head of New Business & Innovations bei der Conrad Electronics SE. Unter seiner Leitung entstand 2016 das Spin-Off Conrad Connect, dessen Team Bös führt.

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